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Statement: Academic Boycott Conference 


    Stellungnahme
    Der Vorstand des Netzwerks jüdischer Hochschullehrender

    Das Netzwerk jüdischer Hochschullehrender verurteilt die vom 23. bis 25. Januar 2026 in Berlin abgehaltene “Academic Boycott Conference” mit aller Entschiedenheit. Was sich dort abspielte, war keine akademische Debatte, sondern eine Propagandaveranstaltung des Hasses – ein schamloser Versuch, Antisemitismus als legitimen Protest zu tarnen. Auf Grundlage uns vorliegender Programmmaterialien und dokumentierter Aussagen stellen wir fest: Diese Konferenz war ein Sammelbecken für Israel-Delegitimierung, Holocaust-Relativierung und die zynische Verharmlosung des barbarischen Hamas-Terrors vom 7. Oktober 2023.

    Die Organisatoren: Extremistische Netzwerke

    Es überrascht nicht, dass hinter dieser Veranstaltung vom Verfassungsschutz beobachtete extremistische Akteure stehen. Das Kufiya-Netzwerk – laut Verfassungsschutzbericht 2024 ein “antiimperialistisch und propalästinensisch ausgerichtetes Netzwerk” – vereint linksextremistische und auslandsbezogene extremistische Gruppierungen: “die ‘Deutsche Kommunistische Partei’ (DKP), ihre Jugendorganisation ‘Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend’ (SDAJ) sowie die trotzkistische ‘Gruppe ArbeiterInnenmacht’ (GAM) sowie aus dem auslandsbezogenen Extremismus ‘Young Struggle’ (YS), die ‘Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.’ sowie ‘Palästina Spricht’.” Diese Akteure verfolgen das Ziel, “die Teilnehmenden an propalästinensischen Protesten zu radikalisieren und als neue Mitglieder zu rekrutieren.” Die Konferenz war also von Anfang an ein Instrument extremistischer Agitation.

    1. Hetze gegen Israel und das jüdische Volk

    Die Redner ergingen sich in wüster Dämonisierung Israels. Der Referent Taufiq Haddad diffamierte den Zionismus – das Recht des jüdischen Volkes auf nationale Selbstbestimmung – als “fantastisches Projekt” in der Tradition von “Faschismus” und “weißer Vorherrschaft”:

    “Dieses fantastische Projekt [des Zionismus]… war Teil der Logik des Aufstiegs des Nationalismus… sowie des Faschismus… Der Zionismus ist eingebettet in eine Logik des breiteren imperialen europäischen Imperialismus. Er hat eine rassische Dimension, eine der weißen Vorherrschaft…”

    Dabei wird zugleich ausgeblendet, dass ein erheblicher Teil der israelisch-jüdischen Bevölkerung aus Familien stammt, die aus Nordafrika und dem Nahen Osten geflohen bzw. vertrieben wurden und in gängigen Rassifizierungslogiken gerade nicht als “weiß” gelten.

    Diese Aussagen sind nichts anderes als israelbezogener Antisemitismus im pseudointellektuellen Gewand: eine manichäische Feindkonstruktion, in der “die Juden” bzw. Israel als Verkörperung einer angeblich allmächtigen, bösen Herrschaft imaginiert werden. Die Gleichsetzung der jüdischen Nationalbewegung mit dem Faschismus – also mit jener Ideologie, die sechs Millionen Juden ermordete – ist eine infame Geschichtsfälschung und erfüllt eindeutig die Definition von Antisemitismus.

    2. Holocaust-Inversion: Die Täter-Opfer-Umkehr

    Mehrere Rednerinnen und Redner verwendeten den Begriff “Genozid” inflationär und ohne jeden Nachweis. Stephanie Westbrook (Palestinian Campaign For The Academic and Cultural Boycott of Israel, PACBI) sprach von einem “Live-Stream-Genozid” und einem “77-jährigen Apartheidregime”:

    “…es schuf diesen Anschein oder diese Fassade der Akzeptabilität. Es gewährt Israel die Straflosigkeit, die es ihm erlaubt, einen Genozid im Livestream zu begehen und ein 77-jähriges Apartheidregime fortzuführen.”

    Die bewusste Verwendung des Begriffs “Genozid” zur Beschreibung der israelischen Selbstverteidigung gegen den Hamas-Terror stellt eine Täter-Opfer-Umkehr dar und relativiert den Holocaust sowie andere historische Völkermorde. Zugleich bleibt auffällig, dass tatsächlich stattfindende genozidale Gewalt und massenhafte staatliche Tötungen – etwa im Sudan oder im Iran – in diesem Aktivismus-Setting keinerlei erkennbare Rolle spielen: Diese selektive Wahrnehmung ist politisch instrumental und moralisch bankrott.

    3. Terrorverherrlichung

    Besonders verstörend war die Kontextualisierung des Hamas-Terroranschlags vom 7. Oktober 2023 als vermeintlich legitimer Widerstand. Taufiq Haddad beschrieb die Massaker als “Explosion der Widersprüche” des israelischen Systems:

    “Und wir haben heute gesehen, wir haben am 7. Oktober die Explosion dieser Widersprüche in den Anschlägen des 7. Oktober gesehen. Dies war eine wichtige historische Periode, weil sie die Explosion und das Scheitern der zwei Hauptstrategien darstellte, die Israel verfolgt hatte…”

    Eine solche analytische Einordnung ohne jede Verurteilung des Terrorakts, bei dem über 1.200 Menschen ermordet wurden und über 250 Geiseln genommen wurden, kommt einer Legitimierung gleich. Das völlige Fehlen jeglicher Empathie für die israelischen Opfer – darunter ermordete Kinder, vergewaltigte Frauen und über 250 Geiseln – offenbart den zutiefst inhumanen Charakter dieser Veranstaltung.

    4. Kollektivschuld: Sippenhaft für israelische Wissenschaftler

    Die Konferenz propagierte offen die kollektive Bestrafung aller israelischen Akademiker – ungeachtet ihrer individuellen Überzeugungen. Dr. Nahed Samour erklärte, israelische Universitäten seien

    “…sehr stark eingebettet … und profitieren von Besatzung, Annexion, Apartheid und Genozid.”

    Diese pauschale Verurteilung ist akademische Sippenhaft – die Diskriminierung von Menschen allein aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit. Israelische Universitäten gehören zu den vielfältigsten und kritischsten akademischen Institutionen weltweit. Sie zu boykottieren ist kein Protest, sondern institutionalisierter Antisemitismus.

    5. Verdrehung der deutschen Verantwortung

    Besonders abstoßend war der Versuch, ausgerechnet die deutsche Staatsräson – die historische Verpflichtung zur Sicherheit Israels als Lehre aus der Shoah – gegen Israel zu wenden. Mehrfach wurde versucht, deutsches Verfassungsrecht und die deutsche Vergangenheitsbewältigung zu instrumentalisieren, um den Boykott zu legitimieren. Dr. Nahed Samour behauptete, deutsche Universitäten könnten keine “politische Neutralität” beanspruchen und riskierten “Verstöße gegen internationales und deutsches Recht”, wenn sie Kooperationen mit Israel fortführen. Dies stellt eine groteske Verdrehung der deutschen Staatsräson dar, die gerade den Schutz jüdischen Lebens und die Existenz Israels zum Ziel hat – als historische Lehre aus der Shoah.

    Dabei wird außerdem ausgeblendet, dass der Staat Israel nicht “auf Ruinen der Shoah” im Sinne eines kolonialen Projekts entstand, sondern auf Grundlage internationaler Beschlüsse und zugleich als Befreiung aus britischer Kolonialherrschaft: Der UN-Teilungsplan (Resolution 181) markierte den völkerrechtlich-politischen Rahmen, und das Ende des Mandats bedeutete den Bruch mit kolonialer Fremdherrschaft. Ebenso bleibt unerwähnt, dass “Palästina” historisch kein ethnischer, sondern ein geografischer Begriff war — und dass im Mandatsgebiet als “Palästinenser” alle dort lebenden Menschen galten, einschließlich der jüdischen Bevölkerung, was sich auch in entsprechenden Mandatsdokumenten und Pässen widerspiegelte.

    Das Netzwerk jüdischer Hochschullehrender beobachtet die verstärkten Versuche, den Israelboykott ausdem extremistischen Spektrum in die Hochschulen zu tragen und Druck aufzubauen, für die dieseKonferenz exemplarisch steht, mit großer Besorgnis. Wir haben die Hoffnung, dass die zuständigenBehörden, prüfen, ob die getätigten Äußerungen strafrechtlich relevante Tatbestände erfüllen, insbesondere Volksverhetzung (§130 StGB) und Billigung von Straftaten (§140 StGB).

    Überdies hoffen wir auf ein entschlossenes Handeln von deutschen Universitäten und Wissenschaftsorganisationen gegen die Boykottinitiative. Das umschließt, Kooperationen mit israelischenPartnern fortzusetzen und auszubauen, die Wissenschaftsfreiheit und wissenschaftliche Standards zu wahren und für Veranstaltungen, die zur Diskriminierung israelischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufrufen oder von verfassungsschutzrelevanten Organisationen mitorganisiert werden, keine Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Um ein solches Handeln gegenüber dem steigenden aktivistischen Druck aus dem extremistischen Spektrum zu erleichtern, betrachten wir eine gemeinsameErklärung der Kultusministerkonferenz und der Hochschulrektorenkonferenz gegen akademischeBoykotte israelischer Institutionen als wichtiges Zeichen.

    Wir rufen alle Kolleginnen und Kollegen auf, sich gegen akademische Boykotte zu stellen und für eine freie, offene Wissenschaft einzutreten – gerade auch im Dialog mit israelischen Partnern. Der akademische Boykott Israels ist keine legitime Protestform, sondern Antisemitismus im akademischen Gewand.

    Der Vorstand des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender e.V.
    Prof. Dr. Julia Bernstein
    Prof. Roglit Ishay
    Dr. Ilja Kogan

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