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Offener Brief: Stellungnahme zum Vortrag von Dr. Michael Lüders an der Friedrich-Schiller-Universität Jena 28. Januar 2026

    Präsidium der Friedrich-Schiller-Universität Jena
    und an die Öffentlichkeit

    Frankfurt am Main, 30. Januar 2026

    Stellungnahme zum Vortrag von Dr. Michael Lüders an der Friedrich-Schiller-Universität Jena am 28. Januar 2026

    Das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender nimmt mit großer Besorgnis zur Kenntnis, dass der Vortrag von Dr. Michael Lüders an der Friedrich-Schiller-Universität Jena am 28. Januar 2026 stattgefunden hat. 1 Trotz unseres offenen Briefes vom 2. Januar 2026, in dem wir ausdrücklich vor antisemitischen Narrativen und verschwörungsideologischen Deutungsmustern in Lüders’ Publikationen und Auftritten gewarnt hatten, wurde die Einladung nicht zurückgenommen. 2 Auch der offene Brief der WerteInitiative e.V. (12. Januar 2026) hat eindringlich vor der Normalisierung antisemitischer Deutungsmuster gewarnt. 3

    Nach Gesprächen mit Lehrenden, Studierenden und dem NJH wurde die Veranstaltung zwar um zwei Wochen verschoben und der Kontext verändert, der Vortrag selbst jedoch durchgeführt. 4 Es ist nicht ersichtlich, inwiefern die Rahmung durch das Zeigen des Films “Until we talk” vor dem Vortrag tatsächlich zur kritischen Einordnung beigetragen haben soll. Auch der Moderation ist es nicht gelungen, zentrale Ausfälle im Vortrag konsequent zu kontextualisieren, zu prüfen oder zurückzuweisen.

    Grundlage dieser Stellungnahme sind die Berichte mehrerer Personen, die die Vortragsveranstaltung besucht haben.

    Die Berichte bestätigen unsere Befürchtungen vollständig: Dr. Lüders hat in seinem Vortrag wiederholt Aussagen getätigt, die antisemitische Narrative bedienen, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine relativieren und verschwörungsideologische Deutungsrahmen stabilisieren.

    I. Antisemitische Narrative und israelbezogener Antisemitismus

    Dr. Lüders delegitimierte den Begriff des israelbezogenen Antisemitismus und behauptete, dieser sei wesentlich durch “pro-israelische Lobbyorganisationen” politisch gesetzt worden. 5 Diese Rahmung personalisiert und externalisiert wissenschaftliche Begriffs- und Diskursbildung und ist anschlussfähig an verschwörungsmythische Deutungsmuster über verdeckte Machtgruppen. Zugleich werden etablierte Befunde der Antisemitismusforschung pauschal delegitimiert.

    Lüders wirft Israel “Besatzungskolonialismus” vor und stellte den Zionismus als von Beginn an eliminatorisches Projekt dar. 6 In dieser Logik erscheint jüdische Selbstbestimmung nicht als historisch begründetes Schutz- und Selbstbehauptungsprojekt, sondern primär als Programm der Verdrängung und “Judaisierung”.

    Dr. Lüders sprach vom “Genozid im Gazastreifen” als handele es sich um eine unumstrittene Tatsache und unterstellte Israel “systematische[n] und vorsätzliche[n] Massenmord”. Die Kombination aus Faktizitätsgestus, pauschaler Intentionszuschreibung und maximaler Moralisierung ist unwissenschaftlich, wirkt dämonisierend und trägt zu einer Entgrenzung der Debatte bei.

    Obwohl Lüders den Angriff der Hamas formal verurteilte, rückte er ihn in einen vermeintlich zwangsläufigen Kausalzusammenhang, indem er ihn als von Israel provozierten Widerstand erklärte. 7 Diese Figur verschiebt Verantwortung, relativiert Täterschaft, ignoriert den Ethos der palästinensischen Führung im Gazastreifen, die Israels Existenz als jüdischen Staat zu keinem Zeitpunkt anerkannt hat, und folgt dem Muster der Täter-Opfer-Umkehr.

    Besonders verstörend waren Äußerungen zum Gedenken an die Shoah: “Mit Auschwitz kann man natürlich auch viel Unfug treiben, indem man es politisch instrumentalisiert.” Lüders trivialisiert die Verantwortung für die NS-Verbrechen, delegitimiert die Erinnerungskultur und normalisiert die Abwertung des Gedenkens.

    Lüders verwendete pauschalisierende, stigmatisierende Sprache und bezeichnete Israel als “faschistischen Staat”. Die pauschale Bezeichnung von jüdischen Personen und Institutionen als “faschistisch” ist eine für den postnazistischen Antisemitismus typische Form der Täter-Opfer-Umkehr.

    II. Relativierung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine

    Dr. Lüders erklärte die NATO-Osterweiterung zum zentralen Auslöser des Krieges und sprach von “aggressiver Politik”. Er konstruiert eine Zwangsläufigkeit, in der Russland als reagierendes Objekt westlicher Provokation erscheint, während Putins Entschluss zum Angriffskrieg als quasi notwendige “Reaktion” relativiert wird.

    Lüders nivellierte unterschiedliche Konflikte, indem er den von den USA unterstützten Präventivschlag Israels gegen den Iran im Sommer 2025 mit der unprovozierten russischen Vollinvasion der Ukraine seit Februar 2022 gleichsetzt. 8Er arbeitet mit moralischer Gleichsetzung statt Analyse, verwischt Verantwortlichkeiten und relativiert den russischen Angriff, indem er ihn als bloße Variante allgemeiner “Völkerrechtsbrüche” behandelt.

    Ohne belastbare Belege behauptete Lüders, “der Landbesitz in der Ukraine [sei] zu mehr als der Hälfte mittlerweile im Besitz” eines “westamerikanischen Investmentfonds” und reproduziert damit russische Propaganda. Solche pauschalen Eigentümer-Narrative funktionieren als Andeutung verdeckter Steuerung und verlagern die Debatte von überprüfbaren Fakten hin zu insinuativen “Hintermänner”-Erzählungen.

    Der Vortrag war zudem durchzogen von institutionenfeindlicher Rahmung: Demnach würden abweichende Meinungen “unter Quarantäne” gestellt; die Bevölkerung werde “systematisch für dumm verkauft” – von wem genau, das überlässt Lüders seinem Publikum. Wer eine “Vorgeschichte” des Ukraine-Kriegs benenne, gelte sofort als “Putin-Versteher”. Das ist rhetorische Selbstimmunisierung: Kritik wird vorab als illegitim markiert, Gegenargumente werden als bloßes “Framing” der “Massenmedien” delegitimiert.

    Auch beim Iran verschob Lüders Verantwortung weg von den Machthabern und entwertete die Ermordung von mehr als 30.000 Menschen im Januar 2026 durch das iranische Regime 9 als “Halligalli”. Die Erwartung eines Umbruchs karikierte er mit der Fantasie, “… in einigen Monaten wird das Mullah-Regime fallen und die Regenbogenfahne … über dem Mausoleum von Khomeini wehen” und verspottete damit gleichzeitig queere Menschen im Iran, wo gleichgeschlechtliche Handlungen mit dem Tod bestraft werden. 10 Dadurch wird die Konfliktlage entpolitisiert und autoritäre Herrschaft indirekt entlastet.

    III. Fazit

    Obwohl Lüders’ Vortrag vor dem Hintergrund seiner vorherigen Verlautbarungen nichts Überraschendes enthielt, halten wir einen solchen Auftritt an einer Universität ohne eine klare Benennung und fachliche Einordnung potenziell antisemitischer Inhalte für fehl am Platz. Der Vortrag von Dr. Michael Lüders und die Einladungspraxis der Reihe “Frieden denken zu Zeiten des Krieges” zeigen, dass hier eine grundlegende Überprüfung nötig ist. Wissenschaftsfreiheit schützt kontroverse Debatten, aber sie ist kein Freifahrtschein für pauschale Delegitimierungen, unbelegte Behauptungen und rhetorische Selbstimmunisierung gegen Kritik. Wo verschwörungsideologische Rahmungen öffentliche Diskurse als gesteuert darstellen, Israel pauschal dämonisiert und Shoah-Erinnerung abgewertet oder trivialisiert wird, wird nicht “Frieden gedacht”, sondern Vertrauen in wissenschaftliche Standards und demokratische Öffentlichkeit beschädigt. Das ist mit dem Anspruch universitärer Bildung und Forschung sowie mit der Verantwortung, die neue Generation von Studierenden faktisch und moralisch fundiert auszubilden, unvereinbar.

    Dass der Vortrag am 28. Januar, also unmittelbar nach dem Internationalen Holocaust-Gedenktag (27. Januar), stattfand, verschärft die Problemlage zusätzlich: Ausgerechnet im zeitlichen Schatten der Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz vor 81 Jahren wirkt die Normalisierung solcher Deutungsmuster an einer deutschen Universität nicht nur fahrlässig, sondern erschütternd.

    Mit freundlichen Grüßen
    Der Vorstand des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender e.V.
    Prof. Dr. Julia Bernstein
    Prof. Roglit Ishay
    Dr. Ilja Kogan


    1. Die Veranstaltung wurde u. a. auf der Website der Universität angekündigt: www.gw.uni-jena.de/87692/frieden-denken-zu-zeiten-des-krieges. ↩︎
    2. Offener Brief des NJH an das Präsidium der FSU Jena (2. Januar 2026): n-j-h.de/offener-brief-an-die-universitaet-jena. ↩︎
    3. Offener Brief der WerteInitiative (12. Januar 2026): werteinitiative.de/offener-brief-an-praesidenten-der-friedrich-schiller-universitaet-jena. ↩︎
    4.  Bericht in der Jüdischen Allgemeinen (13. Januar 2026) zur Verschiebung und Kontextänderung sowie zur Ausladung von Wieland Hoban: juedische-allgemeine.de/politik/uni-jena-laedt-umstrittenen-publizisten-hoban-wieder-aus. ↩︎
    5. “Der sogenannte israelbezogene Antisemitismus machte nunmehr als Begriff Karriere und das wurde maßgeblich eingeleitet durch pro-israelische Lobbyorganisationen, zunächst in den USA.” ↩︎
    6. Der Mainstreamzionismus war … immer darauf erpicht, die Palästinenser aus Palästina … zu transferieren.” ↩︎
    7. Natürlich schafft man Widerstand … Jeder, der so tat in seiner Familie, wird rächen wollen.” ↩︎
    8. “Israel und USA haben völkerrechtswidrig den Iran angegriffen … genauso wie … Russlands gegenüber der Ukraine.” ↩︎
    9. time.com/7357635/more-than-30000-killed-in-iran-say-senior-officials ↩︎
    10. lsvd.de/de/ct/1245-LSBTIQ-Rechte-weltweit ↩︎
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