Universität Leipzig
Augustuspl. 10
04109 Leipzig
Frankfurt, 28.04.2026
Antisemitische Agitation an der Universität Leipzig
Sehr geehrte Frau Rektorin Prof. Dr. Eva Inés Obergfell,
Sehr geehrter Herr Antisemitismusbeauftragter Prof. Dr. Gert Pickel,
mit großer Sorge beobachten wir seit letztem Herbst die Ausbreitung antisemitischer Propaganda an der Universität Leipzig. Es erfüllt uns mit Entsetzen, dass Gruppen wie „Students vor Palestine Leipzig“ universitäre Räume nutzen dürfen, um unter dem Deckmantel von Kolonialismuskritik antiisraelische Hetze zu verbreiten und für einen Boykott israelischer Hochschulen und des Staates Israel insgesamt zu werben.
Neben ihrem eigenen Veranstaltungsprogramm für das Sommersemester 2026 (siehe anbei), das an mehreren Terminen akademische Boykotte thematisiert und gleichzeitig zu einer Demonstration am 6. Mai 2026 aufruft, zeigt auch der neueste Instagram-Auftritt dieser Gruppierung (siehe anbei) ihren offen antisemitischen Charakter. Hier wird gegen den Besuch des israelischen Botschafters am 28. April 2026 anlässlich des israelischen Unabhängigkeitstages mobilisiert und mit den Schlagworten „78 Jahre Besatzung“, „Unterdrückung des palästinensischen Volkes“ und „Genozid in Gaza“ Stimmung gemacht. Der im Post abgebildete Galgen, der offenbar für die Kundgebung aufgebaut werden soll, ist nicht anders zu verstehen denn als Morddrohung (gegen den Botschafter? Die Israelis? Zionisten? Alle Juden? Juden und ihre Unterstützer?).
Diese antisemitischen, agitatorischen Einlassungen stehen im Widerspruch zum Selbstverständnis einer jeden Universität als eines Raumes, in dem mit Fakten und Argumenten um die Wahrheit gerungen wird. Anstelle evidenzbasierter Forschung und vorurteilsfreier Debatte im rechtsstaatlich gesicherten Rahmen erleben wir hier eine Dämonisierung und Delegitimierung des jüdischen Staates, die auf Unwahrheiten und Tatsachenverdrehungen beruht. So liest sich auch das Programm der „Kritischen Einführungswochen“ an der Universität Leipzig im Wintersemester 2025 wie eine antisemitische Propagandabroschüre: „Israel und Siedlerkolonialismus – Eine kritische Einführung“, „Stop Business As Usual. Was bedeutet eine Kooperation mit israelischen Universitäten in Zeiten eines Völkermords? Die moralische Verantwortung der Universität Leipzig“, „Deutschlands wirtschaftliche und ideologische Interessen in der Siedlerkolonie“. Durch die Verwendung von Begriffen wie „Kolonialismus“, „Siedlerprojekt“ oder „Dekolonisierung“ werden jüdische Geschichte und Israel entkoppelt, was eine kontrafaktische, aber notwendige Voraussetzung ist, um die Daseinsberechtigung Israels in Frage zu stellen. Eine solche ideologische Sprache bleibt nicht folgenlos. In der Realität der letzten Jahre hat sich immer wieder gezeigt, dass antisemitische Feindbilder, Entmenschlichung und die pauschale Dämonisierung Israels in ein Klima münden können, in dem Hass gegen Jüdinnen und Juden legitimiert wird und die Hemmschwelle für antisemitische Gewalt sinkt.
Die Bereitstellung universitärer Räume für antiisraelische Veranstaltungen untergräbt den Beschluss der Hochschulrektorenkonferenz vom 19.11.2024, Boykottaufrufe gegen israelische Wissenschaftler und Wissenschaftseinrichtungen abzulehnen und, im Gegenteil, die Wissenschaftskooperation mit Israel auch als Ausprägung der wissenschaftlichen Diskurskultur zu fördern1 (nochmals bekräftigt in der Pressekonferenz des HRK-Präsidenten Walter Rosenthal am 11.06.20252). Sie stellt eine indirekte Förderung der BDS-Kampagne dar und läuft somit auch dem Bundestagsbeschluss vom 17.05.2019 „Der BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten – Antisemitismus bekämpfen“3 sowie der Resolution des Bundestages vom 7.11.2024 „Nie wieder ist jetzt – Jüdisches Leben in Deutschland schützen, bewahren und stärken“4 zuwider.
Im sogenannten Kufiya-Netzwerk sind die „Students for Palestine Leipzig“ eng mit Gruppierungen verbunden, die auf Bundes- oder Landesebene als extremistisch eingestuft werden.5 Sie arbeiten beispielsweise mit der extremistischen Gruppierung „Handala Leipzig e. V.“ zusammen, was sich an einem gemeinsamen Sitzprotest an der HGB Leipzig am 10.01.20246 oder einer gemeinsam organisierten Demonstration am Connewitzer Kreuz am 17.01.20267,8 zeigt.
Die bloße Duldung antisemitischer Propaganda auf dem Campus ist eine Verletzung der Fürsorgepflicht der Universität gegenüber jüdischen Hochschulangehörigen. Die Unterstützung solcher Propaganda durch die Bereitstellung von Räumen ist ein Skandal.
Wir fordern die Universitätsleitung auf, bereits getätigte Raumzusagen für die Gruppe „Students for Palestine“ zurückzuziehen und in Zukunft keine Raumanfragen mehr von dieser oder vergleichbaren Initiativen anzunehmen. Wir appellieren an Sie, sicherzustellen, dass Aufrufe zum Boykott israelischer Hochschulen nicht als legitimer Bestandteil universitärer Lehre und akademischer Praxis behandelt werden. Wir bitten Sie darum, jüdische Studierende und Beschäftigte wirksam vor Einschüchterung, Feindseligkeit und antisemitischer Sprache zu schützen und deutlich zu machen, dass die Universität Leipzig keine Bühne für Bewegungen bietet, die antisemitische Ressentiments verstärken oder ideologisch verbrämte Feindschaft gegen Juden normalisieren.
Für Rückfragen stehen wir Ihnen gern zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Vorstand des Netzwerks jüdischer Hochschullehrender e.V.
Prof. Dr. Julia Bernstein
Prof. Roglit Ishay
Dr. Ilja Kogan
Prof. Dr. Marek Sierka
Anlagen:



- https://www.hrk.de/positionen/beschluss/detail/zur-aktuellen-antisemitismusdebatte-im-bundestag/ ↩︎
- https://www.hrk.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/meldung/hrk-praesident-wissenschaft-in-israel-als-eu-unterstuetzen-und-staerken-nicht-schwaechen-5124/ ↩︎
- „Der Bundestag tritt damit jeder Form des Antisemitismus schon im Entstehen entschlossen entgegen und verurteilt die BDS-Kampagne und den Aufruf zum Boykott von israelischen Waren, Unternehmen,Wissenschaftlern, Künstlern und Sportlern. Es sollen keine Organisationen finanziell gefördert werden, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen. Länder, Städte und Gemeinden werden aufgerufen, sich dieser Haltung anzuschließen.“ (https://dserver.bundestag.de/btd/19/101/1910191.pdf) ↩︎
- „Der Deutsche Bundestag bekräftigt seinen Beschluss, dass sicherzustellen ist, dass keine Organisationen und Projekte finanziell gefördert werden, die Antisemitismus verbreiten, das Existenzrecht Israels in Frage stellen, die zum Boykott Israels aufrufen oder die BDS-Bewegung aktiv unterstützen.“ (https://dserver.bundestag.de/btd/20/136/2013627.pdf) ↩︎
- Im Kufiya-Netzwerk „[…] organisieren sich verschiedene dogmatische Organisationen mit Gruppen aus dem auslandsbezogenen Extremismus sowie dem nicht extremistischen Spektrum […]. Zu den im Netzwerk organisierten Extremisten gehören aus dem Bereich des dogmatischen Linksextremismus unter anderem die „Deutsche Kommunistische Partei“ (DKP), ihre Jugendorganisation „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend“ (SDAJ) sowie die trotzkistische „Gruppe ArbeiterInnenmacht“ (GAM) sowie aus dem auslandsbezogenen Extremismus „Young Struggle“ (YS), die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e. V.“ (Jüdische Stimme) sowie „Palästina Spricht“.“ (https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/verfassungsschutzberichte/2025-06-10-verfassungsschutzbericht-2024.pdf?__blob=publicationFile&v=10). Auch der vom Sächsischen Landesamt für Verfassungsschutz als extremistisch eingestufte Verein „Handala Leipzig e. V.“ ist dort Mitglied (https://www.verfassungsschutz.sachsen.de/handala-e-v-6656.html). ↩︎
- https://www.lvz.de/lokales/leipzig/hgb-leipzig-studierende-demonstrieren-fuer-waffenstillstand-in-nahost-EJHSL267IBGU5DPZOQUKAFOPXI.html ↩︎
- https://anarchists4palestine.noblogs.org/post/2025/12/29/2026-01-17-leipzig-fur-ein-antifaschistisches-connewitz-gemeinsamer-aufruf-leipziger-gruppen-der-palastina-solidaritat-zur-demo-am-17-1-2026/ ↩︎
- https://www.freie-radios.net/140345 ↩︎