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Offener Brief: LMU München



     

    Ludwig-Maximilians-Universität München
    Geschwister-Scholl-Platz 1
    80539 München



    Frankfurt, 30.04.2026


    Offener Brief zur Veranstaltungsreihe „Die palästinensischen Universitäten und ihre besondere Beziehung zu Deutschland


    Sehr geehrter Herr Präsident Prof. Dr. med. Dr. h.c. Tschöp,
    sehr geehrte Damen und Herren Vizepräsidenten,
    sehr geehrte Frau Prof. Götz, Dekanin der Fakultät für Kulturwissenschaften,
    sehr geehrter Herr Prof. Hacısalihoğlu, Institutssprecher des Instituts für den Nahen und Mittleren Osten,
    sehr geehrter Herr Prof. Kaplony, Professor für Arabistik und Islamwissenschaft,
    sehr geehrter Herr Prof. Dr. Karsten Fischer, Antisemitismusbeauftragter der LMU,

    das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz (e. V.) möchte Ihnen seine Sorge über eine in Kürze geplante Veranstaltungsreihe am Institut für den Nahen und Mittleren Osten der LMU mitteilen. Es handelt sich um die Vortragsreihe „Die palästinensischen Universitäten und ihre besondere Beziehung zu Deutschland“, die in drei Workshops am 6., 7. und 21. Mai 2026 stattfinden soll.

    Insbesondere die geplanten Vorträge von Dr. Sarah El Bulbeisi (7.5.2026), Prof. i. R. Dr. Helga Baumgarten und Prof. Dr. Ahmed Abu Shaban (beide am 21.5.2026) geben Anlass zur Besorgnis. Die Referentinnen und der Referent sind für die Vertretung von Thesen bekannt, die in das Spektrum des israelbezogenen Antisemitismus fallen. Dazu gehören Äußerungen von Dr. El Bulbeisi in ihrer Rede beim Benefizkonzert „Make Freedom Ring“ zugunsten der Gaza-Nothilfe von medico international am 30. November 2025 in München, in der sie behauptete, Israel hätte 1948 Gebiete „erobert“ (was ohne Kontext eine Verdrehung oder zumindest Verkürzung der Tatsachen darstellt, bei der der Verteidigungscharakter des israelischen Unabhängigkeitskrieges geleugnet wird) und führe heute einen „genozidalen“ Krieg gegen Gaza.1 Das Narrativ des „Völkermords in Gaza“ verbreitet auch Prof. Baumgarten, die Mitautorin eines gleichnamigen Buches (gemeinsam mit Norman Paech, Promedia, Wien 2025), die darüber hinaus die Terrororganisation Hamas als Widerstandsbewegung verharmlost.2 Besonders problematisch erscheint ihre positive Bezugnahme auf Yahya Sinwar, der als „eine neue Ikone für den palästinensischen Widerstand“ bezeichnet wird, während seine zentrale Rolle beim Massaker vom 7. Oktober 2023 ausgeblendet bzw. dethematisiert bleibt.3  Prof. Abu Shaban, Dekan der Fakultät für Landwirtschaft und Veterinärmedizin der Al-Azhar University Gaza, unterzeichnete am 29. Mai 2024 gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern weiterer Hochschulen des Gazastreifens – darunter der mit Organisationen wie der Hamas in Verbindung gebrachten Islamic University of Gaza – einen offenen Brief4, in dem der Staat Israel durch die Verwendung von Begriffen wie „israelische Besatzung“ delegitimiert, der Genozidvorwurf gegen Israel mehrfach formuliert und die kriegerischen Auseinandersetzungen von 1947 und 1948 als systematische Massaker seitens „zionistischer Streitkräfte“ dargestellt werden. Auch der Titel des geplanten Workshop-Beitrages von Prof. Abu Shaban „From Weakening to Annihilation: Higher Education and the Systematic Destruction of Universities in Gaza“ schafft durch den unterstellten Vernichtungsvorsatz eine emotional aufgeladene Rahmung, die kaum den Anschein einer vorurteilsfreien wissenschaftlichen Betrachtung eines komplexen Gegenstands erweckt.

    Neben diesen offensichtlichen Beispielen der Delegitimierung und Dämonisierung Israels sowie der Anwendung doppelter Standards – zentrale Merkmale dessen, was in der Forschung als israelbezogener Antisemitismus diskutiert wird (vgl. IHRA-Definition) – werfen auch weitere Titel der Veranstaltungsreihe Fragen auf. Der problematisch gerahmte Vortrag des Organisators Prof. Dr. Andreas Kaplony (6.5.2026) trägt den Titel: „‘Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, soll meine Rechte verdorren’: 2500 Jahre Sehnsuchtsort Palästina.“ Dabei wird ein zentrales Zitat aus den jüdischen Psalmen, das die jahrtausendealte Bindung des jüdischen Volkes an das Land Israel ausdrückt, kontextverschoben verwendet und in seiner ursprünglichen Bedeutung verfremdet. Zusammen mit dem Beitrag von Katja Dorothea Buck „Deutsche Bildungspioniere im Heiligen Land: Bedeutung und Erbe der deutschen evangelischen und katholischen Mission im Schulsystem von Palästina“ (21.5.2026) lassen eine gewollte oder zugelassene begriffliche Rahmung befürchten. Die ausschließliche Verwendung der Bezeichnung „Palästina“ ohne Einbezug jüdischer historischer und gegenwärtiger Selbstbezeichnungen läuft darauf hinaus, die mehrtausendjährige jüdische Verbindung zum Land Israel in Frage zu stellen.

    Uns ist bewusst, dass akademische Freiheit ein hohes Gut darstellt und nicht eingeschränkt werden darf. Zugleich sehen wir ihre Grenzen dort erreicht, wo mit Verweis auf wissenschaftliche Arbeit Narrative verbreitet werden, die menschenfeindliche, insbesondere antisemitische Deutungsmuster reproduzieren oder legitimieren.

    Vor diesem Hintergrund bitten wir Sie dringend, unsere vorgebrachten Bedenken sorgfältig zu prüfen und gegebenenfalls Maßnahmen zu ergreifen, um der Verbreitung antisemitischer Narrative an der LMU entgegenzuwirken.

    Für Rückfragen zu israelbezogenem Antisemitismus stehen wir jederzeit gern zur Verfügung.

    Mit Dank für Ihr Verständnis und mit besten Grüßen,

    Vorstand des Netzwerks jüdischer Hochschullehrender e.V.
    Prof. Dr. Julia Bernstein
    Prof. Roglit Ishay
    Dr. Ilja Kogan
    Prof. Dr. Marek Sierka


    1. https://www.medico.de/tabu-und-trauma-20295 ↩︎
    2. Siehe hierzu auch ihr Buch “Hamas. Der politische Islam in Palästina”, Diederichs, München 2006. ↩︎
    3. https://www.palaestina.ch/de/aufgefallen/885-aufgefallen-4-11-2024-wer-war-yahya-sinwar ↩︎
    4. https://www.peace-ed-campaign.org/open-letter-by-gaza-academics-and-university-administrators-to-the-world/ ↩︎
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