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Offener Brief zur geplanten Konferenz „Der große Kanton. The Rise and Fall of the BRD“, 5. und 6. Dezember an der ETH Zürich und im Kunsthaus Zürich



    05.12.2025


    Offener Brief zur geplanten Konferenz „Der große Kanton. The Rise and Fall of the BRD“, 5. und 6. Dezember an der ETH Zürich und im Kunsthaus Zürich

    Sehr geehrter Prof. Dr. Dissertori, Rektor der ETH Zürich, 
    sehr geehrter Prof. Dr. Joël Mesot, Präsident der ETH Zürich,
    sehr geehrte Dr. Mairitsch, Rektorin der Zürcher Hochschule der Künste,
    sehr geehrter Dr. Hildebrand, Präsident des Kunsthauses Zürich,

    mit großer Sorge und Bestürzung wenden wir, das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender (NJH), uns an Sie angesichts der angekündigten Konferenz „Der große Kanton. The Rise and Fall of the BRD“, die am 5. und 6. Dezember an der ETH Zürich und im Kunsthaus Zürich stattfinden soll.

    Aus der Beschreibung der Konferenz und den eingeladenen Gästen wird deutlich, dass sich hinter der scheinbaren Kritik am „großen Kanton“ in der tatsächlichen inhaltlichen Ausrichtung ein Angriff auf Israel, seine Legitimität und die Erinnerungskultur nach der Shoah verbirgt.

    Die Konferenzbeschreibung enthält mehrere Aussagen, die höchst problematisch sind:

    • Es wird suggeriert, die deutsche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit stehe in einem direkten Zusammenhang mit zunehmender Fremdenfeindlichkeit – ein konstruiertes und gefährliches Narrativ, das verantwortungslose Gegensätze zwischen einer antisemitismussensiblen Erinnerungspolitik und migrantisch gelesenen Communities erzeugt.
    • Die Formulierung, die deutsche Staatsräson „erschüttere“ ein angeblich „postnazistisches Selbstverständnis“, legt in unzulässiger Weise nahe, die Solidarität Deutschlands mit Israel gefährde demokratische Grundwerte – ein Argumentationsmuster, das zentrale Elemente der Täter-Opfer-Umkehr aufweist..
    • Zudem tritt eine Reihe eingeladener Gäste durch Positionen hervor, die Israel einseitig delegitimieren, Begriffe aus dem Repertoire antizionistischer und teilweise antisemitischer Diskurse übernehmen oder wissenschaftliche Arbeit mit politischer Aktivierung gegen Israel vermischen.

    Wir sind besonders besorgt, dass eine derart einseitige und verzerrende Darstellung der israelisch-palästinensischen Realität unter dem Dach renommierter Institutionen und mit öffentlichen Mitteln stattfindet. Dass diese Veranstaltung zudem im Kunsthaus Zürich abgehalten wird – einer Institution, die sich bis heute mit Fragen der Provenienz der Sammlung Bührle auseinandersetzen muss – verstärkt die Problematik zusätzlich.

    Auch die Schweiz selbst hat ihre Verstrickungen in die nationalsozialistischen Verbrechen erst verspätet und durch die Bergier-Kommission ab 1996 aufgearbeitet. Umso mehr erscheint es unverantwortlich, eine Konferenz auszurichten, die historische Fakten relativiert und Israel als Projektionsfläche für politische oder ideologische Agenden missbraucht.


    Unsere Bitten und Forderungen:

    Wir rufen die ETH Zürich, die ZHdK und das Kunsthaus Zürich nachdrücklich dazu auf,

    • die Kooperation mit der Veranstaltung zu überdenken,
    • die institutionelle Unterstützung zu überprüfen und
    • sicherzustellen, dass wissenschaftliche und kulturelle Plattformen nicht zur Verbreitung von Israel-feindlichen, einseitigen oder geschichtsverzerrenden Narrativen genutzt werden.

    Es geht uns nicht darum, kritische Diskussionen zu unterbinden. Im Gegenteil: Wissenschaftliche Debatten benötigen Pluralität, Verantwortung und intellektuelle Redlichkeit. Doch wenn antisemitische und israelfeindliche Deutungsmuster, die Delegitimierung Israels oder Verzerrungen der Shoah und ihrer Lehren Raum erhalten, endet Kritik und beginnt Schaden. Solche Veranstaltungen dürfen nicht durch öffentliche Mittel unterstützt werden.

    Wir stehen für ein Gespräch zur Verfügung und sind bereit, unsere Expertise einzubringen.

    Vorstand des Netzwerks jüdischer Hochschullehrender e.V.

    Prof. Dr. Julia Bernstein
    Prof. Roglit Ishay
    Dr. Ilja Kogan

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