An die Hochschulleitung
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Kopie an die Dekanate
31.10.2025
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrter Herr Kanzler,
sehr geehrte Damen und Herren Vizepräsidenten,
uns wurde ein mit dem 8. Oktober 2025 datiertes Schreiben von sieben Professorinnen und Professoren Ihrer Universität bekannt, in dem unter Berufung auf eine Resolution der International Association of Genocide Scholars (IAGS) sowie auf Aussagen einer UN-Untersuchungskommission der schwerwiegende Vorwurf erhoben wird, Israel habe in Gaza Völkermord begangen. Es wird die Forderung an Mitgliedsstaaten, wirtschaftliche und akademische Beziehungen zu Israel zu beenden oder auszusetzen („cancel or suspend“), sowie weitere Passagen in dem uns vorliegenden Schreiben ausdrücklich zitiert. Als Quintessenz wird die Hochschulleitung angehalten, universitäre Kooperationen mit israelischen Organisationen auf mögliche – auch indirekte – „Komplizenschaft“ zu prüfen, kooperierende Institutionen zum Kurswechsel zu bewegen und, im Misserfolgsfall, Kooperationen „umgehend auszusetzen“. Unterzeichnet ist das Schreiben von Prof. Dr. Michael Börsch, Prof. Dr. Corinna Dahlgrün, Prof. Dr. Thede Kahl, Prof. Dr. Martin Leiner, Prof. Dr. Andreas Löhne, Prof. Dr. Hartmut Rosa und Prof. Dr. Hendrik Süß.
Als Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender verurteilen wir diese Forderungen entschieden. Akademische Boykotte – ob explizit politisch begründet oder implizit über „Prüfaufträge“ zu Komplizenschaft – sind diskriminierend, unterminieren Wissenschaftsfreiheit und ersetzen Differenzierung durch Kollektivhaftung. Die Universität ist kein Instrument politischer Sippenhaft, sondern ein Ort, an dem Erkenntnis durch offenen Austausch, überprüfbare Evidenz und kontroverse, aber faire Debatte entsteht. Wer Kooperationen mit israelischen Einrichtungen pauschal in Frage stellt, verabschiedet sich von diesen Grundsätzen und öffnet der Ausgrenzung jüdischer und israelischer Kolleginnen und Kollegen Tür und Tor.
Die im Schreiben zitierten Bewertungen der IAGS-Resolution und der UN-Kommission sind – wie die internationale Debatte zeigt – umstrittene und auf zweifelhafte Weise zustandegekommene politische Wertungen, keine rechtsverbindlichen Feststellungen. Schon der Umstand, dass man Hochschulen auf dieser Basis zur Suspendierung akademischer Beziehungen drängt, macht die politische Stoßrichtung deutlich: Es geht nicht um rechtsstaatliche Verfahren, sondern um Delegitimierung. Wir weisen diese Delegitimierung ausdrücklich zurück. Israels jüdische Selbstbestimmung und das daraus abgeleitete Recht auf Sicherheit und Selbstverteidigung sind legitim. Wer den jüdischen Staat mit verleumderischen Etiketten wie „Völkermord“ versieht und daraus Boykottmaßnahmen gegen seine Wissenschaft ableitet, verschiebt den normativen Rahmen dahin, jüdische Staatlichkeit und jüdische Sicherheit als Störfaktoren zu markieren. Das normalisiert Antisemitismus im Gewand moralischer Rhetorik – mit spürbaren Folgen für jüdische Studierende und Forschende an Hochschulen in Jena und weltweit.
Wir widersprechen zudem dem Versuch, komplexe und tragische Kriegsrealitäten durch Schlagworte zu erfassen und daraus akademische Sanktionslogiken abzuleiten. Auch wenn man einzelne Schritte israelischer Politik kritisch bewertet – was im akademischen Raum legitim ist –, folgt daraus kein Mandat zur kollektiven Bestrafung israelischer Institutionen und ihrer Angehörigen. Wissenschaftliche Zusammenarbeit ist eine Brücke, die Gesprächskanäle offenhält, Erkenntnismehrung ermöglicht und Vertrauen fördert. Ihr Abbruch schadet dem Frieden, nicht umgekehrt.
Wir appellieren daher an die Hochschulleitung, die in dem nicht öffentlichen Schreiben vom 8. Oktober 2025 erhobenen Boykott- und Suspendierungsforderungen klar zurückzuweisen. Schützen Sie die Wissenschaftsfreiheit vor politischem Druck, sichern Sie jüdisches akademisches Leben und bejahen Sie die Zusammenarbeit mit israelischen Partnerinstitutionen als Ausdruck unserer gemeinsamen Werte von Aufklärung, Pluralismus und Humanität. Eine Hochschule, die ihre Partner nach politischer Zugehörigkeit sortiert, verrät ihre Bestimmung; eine Hochschule, die alle Stimmen hört und wissenschaftliche Qualität über politische Parolen stellt, erfüllt sie.
Mit Nachdruck und in Solidarität mit unseren jüdischen und israelischen Kolleginnen und Kollegen,
der Vorstand des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz (NJH)
Prof. Dr. Julia Bernstein
Prof. Roglit Ishay
Dr. Ilja Kogan