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Offener Brief: An die Universität Jena



    Friedrich-Schiller-Universität Jena
    Fürstengraben 1
    07743 Jena


    Frankfurt, 02.01.2026



    Veranstaltungen im Rahmen der Reihe “Frieden denken in Zeiten des Krieges. Ethische Reflexionen zur Ukraine, zum Nahen Osten und zur deutschen Verantwortung” an der Universität Jena.


    Sehr geehrter Herr Universitätspräsident Prof. Dr. Andreas Marx,
    sehr geehrter Herr Kanzler Dr. Thoralf Held,
    sehr geehrte Damen und Herren Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten,

    das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender wendet sich mit diesem offenen Brief an Sie, um seine tiefe Besorgnis über zwei an Ihrer Universität geplante Veranstaltungen zum Ausdruck zu bringen. Beide Formate, organisiert von Dr. Carolina Rehrmann im Rahmen der Reihe “Frieden denken in Zeiten des Krieges. Ethische Reflexionen zur Ukraine, zum Nahen Osten und zur deutschen Verantwortung” bergen nach unserer Einschätzung das erhebliche Risiko, Deutungen zu befördern, die antisemitische Muster normalisieren. Dadurch drohen sie sowohl dem wissenschaftlichen Anspruch der Universität als auch ihrer Verantwortung als öffentlicher Bildungs- und Debattenraum zuwiderzulaufen.

    Konkret beziehen wir uns auf den geplanten Vortrag von Wieland Hoban am 28. Januar 2026 (“Das Ende der deutschen Erinnerungskultur”, Hörsaal 024, UHG Fürstengraben 1) sowie auf den geplanten Vortrag von Dr. Michael Lüders am 14. Januar 2026 (“Drecksarbeit?”, Aula, UHG Fürstengraben 1).

    I. Wieland Hoban und die Einstufung der “Jüdischen Stimme” als gesichert extremistische Bestrebung

    Einstufung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz

    Wieland Hoban ist Vorsitzender der Organisation “Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.”. Im “Verfassungsschutzbericht 2024” des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) 1 wird die “Jüdische Stimme” – zusammen mit weiteren BDS- nahen Gruppierungen – ausdrücklich als “gesichert extremistische Bestrebung” bewertet (VSB 2024, S. 280). BDS steht für “Boycott, Divestment and Sanctions” und bezeichnet eine internationale Kampagne, die zu Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel aufruft. In diesem Zusammenhang nennt der Bericht auch “BDS-Berlin” und “BDS-Bonn” (VSB 2024, S. 280).

    Der Bericht führt hierzu weiter aus, dass sich BDS-nahe Gruppierungen und Akteure, die die Kampagne und ihre Forderungen unterstützen, nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 vielfach an israelfeindlichen und antisemitischen Versammlungen beteiligten und ihre Boykottforderungen gegenüber Unternehmen und Waren mit Israel-Bezug intensivierten (VSB 2024, S. 280).

    Unabhängig davon wird die “Jüdische Stimme” im Kapitel “Linksextremismus” zudem als Teil des sogenannten Kufiya-Netzwerks genannt, in dem sich dogmatische linksextremistische Organisationen mit Akteuren aus dem auslandsbezogenen Extremismus vernetzen (VSB 2024, S. 168).

    Das BfV weist zudem auf die steuerrechtliche Folge der Einstufung hin: Sie führt “nach § 51 Abs. 3 Satz 2 der Abgabenordnung grundsätzlich zunächst zur Versagung von Steuervergünstigungen” (VSB 2024, S. 21–22) und damit regelmäßig auch zur Versagung der Gemeinnützigkeit.

    Dokumentierte Positionierungen

    Eine Untersuchung des Internationalen Instituts für Bildung, Sozial- und Antisemitismusforschung (IIBSA) führt eine Reihe von öffentlich dokumentierten Positionierungen und Vernetzungen der “Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.” an. 2

    • Relativierende Darstellung des 7. Oktober 2023: Laut IIBSA bezeichnete die Organisation, der Wieland Hoban seit 2021 vorsteht, in einem Beitrag am 7. Oktober 2023 Hamas-Kämpfer als “Guerillakämpfer”, die aus “ihrem Ghetto ausgebrochen” seien, und behauptete dabei u. a. Israels jüdische Bewohner hielten sich selbst für “Übermenschen” (IIBSA-Studie, S. 8).
    • Infragestellung sexualisierter Gewalt: Ebenfalls laut IIBSA wurden im Januar 2024 Berichte über “massenhaft vergewaltigte und verstümmelte Frauen” als “Propaganda” bezeichnet (IIBSA-Studie, S. 8).
    • Unterstützung der BDS-Kampagne: IIBSA beschreibt die “Jüdische Stimme” als dezidierte Unterstützerin der BDS-Kampagne (IIBSA-Studie, S. 7). Der Deutsche Bundestag hat 2019 festgestellt: “Die Argumentationsmuster und Methoden der BDS-Kampagne sind antisemitisch”. 3
    • Delegitimierende Rahmung Israels: IIBSA dokumentiert eine (zustimmend geteilte) Aussage, Israel sei “in Gänze eine Siedlerkolonie” (IIBSA-Studie, S. 7).
    • Bezüge zum Samidoun-Umfeld und positive Bezugnahmen auf Rasmea Odeh: IIBSA führt u. a. geteilte Samidoun-Inhalte und die Bewerbung einer Solidaritätsveranstaltung für Rasmea Odeh an (IIBSA-Studie, S. 8–9). Samidoun wurde in Deutschland durch das Bundesministerium des Innern am 2. November 2023 verboten. Begründet wurde dies damit, dass Samidoun nach Einschätzung des Bundesinnenministeriums dem Terrorismus nahesteht, Terrorismus und Gewalt billigt und eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden darstellt. 4

    Besonders relevant im Kontext universitärer Veranstaltungsverantwortung ist zudem, dass Hoban laut einem von der “Jüdischen Stimme” selbst geteilten Beitrag als Mitglied der  “Revolutionären  Linken”  bezeichnet  wird  (IIBSA-Studie,  S.  5).  Der Verfassungsschutz nennt die “Revolutionäre Linke” ausdrücklich im Zusammenhang dogmatisch-linksextremistischer Palästinasolidarität. 5

    Einordnung durch jüdische Institutionen

    Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden: “Der Verein ‘Jüdische Stimme’ irrlichtert zwischen Israelhass und Terrorismusverharmlosung. Von ihm ist kein konstruktiver Beitrag zur Befriedung gesellschaftlicher Konflikte zu erwarten.” (IIBSA- Studie, S. 3)

    Hanna Veiler, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD): “Sie ist keine offizielle Repräsentation der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sondern eine kleine und radikale Randgruppe.” (IIBSA-Studie, S. 3)

    Jüdische Studierendenverbände: In einer Stellungnahme vom 18. Juni 2025 fordern der Verband Jüdischer Studierender Hessen (VJSH), Studentim e.V., die Jüdische Allianz Mitteldeutschland, der Verband Jüdischer Studierender Nord e.V., die Jüdische Studierendenunion Württemberg, der Verband Jüdischer Studierender in Bayern e.V. sowie der Bund Jüdischer Studierender Baden e.V. den Entzug der Gemeinnützigkeit und dass “Hochschulen jegliche Finanzierung sowie die Überlassung von Räumlichkeiten an die ‘Jüdische Stimme’ einstellen”. 6

    II. Dr. Michael Lüders: Unwissenschaftliche Behauptungen, Verschwörungsrahmen und anschlussfähige antisemitische Narrative

    Dr. Michael Lüders wurde im Januar 2024 mit 97,6% in den erweiterten Parteivorstand des BSW gewählt und war Spitzenkandidat für Sachsen-Anhalt bei der Bundestagswahl 2025. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, warnte im Kontext des BSW ausdrücklich vor einer von Lüders beförderten “Täter-Opfer-Umkehr”. Schuster verweist dabei auf Lüders’ Behauptung, es sei klar, “dass der Gazastreifen von Palästinensern gesäubert werden soll”. 7

    Behaupten statt belegen: Für eine Universität ist diese Art der Zuspitzung besonders problematisch, weil sie eine weitreichende Tatsachenbehauptung als Gewissheit formuliert, ohne eine überprüfbare Belegkette offenzulegen. Die Jüdische Allgemeine kritisiert Lüders im Zusammenhang seiner politischen Rolle im BSW dafür, komplexe Konfliktlagen mit seinen pauschalisierenden Deutungsmustern zu versehen und dabei zentrale Prämissen nicht sauber zu belegen. 8 Hinzu kommt, dass Lüders auch an anderer Stelle eine extreme Planbehauptung als Gewissheit formuliert (über Gaza: “Das Massensterben folgt einem Plan: Die Palästinenser sollen vertrieben werden”). 9

    Wissenschaftliche Kritik an Verschwörungslogik: In der Fachzeitschrift SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen (De Gruyter, 2019) wird Lüders’ Buch “Armageddon im Orient” als “krude Aneinanderreihung von Halbwahrheiten, unbewiesenen Behauptungen und Verschwörungstheorien” bewertet; der Rezensent warnt zudem, dass die im Buch identifizierten “sinisteren Kräfte im Hintergrund” überwiegend “ Juden oder jüdische Organisationen” seien. 10 Solche Argumentationsmuster sind nicht nur fachlich angreifbar, sondern zugleich anschlussfähig an klassische antisemitische Erzählungen (geheime, jüdisch konnotierte Machtzentren, die Politik und Medien steuern).

    Aktuelle verschwörungsideologische Rahmung im politischen Raum: Auch in öffentlichen Auftritten nutzt Lüders einen Deutungsrahmen, der mit Verschwörungsrhetorik kompatibel ist: Er spricht von “Manipulation von Wahlumfragen” und “Strippenziehern”, die das BSW aus dem Bundestag halten wollten. 11 Solche Chiffren sind in der politischen Kultur historisch belastet und erhöhen das Risiko, antisemitische Codes und Sündenbocknarrative zu normalisieren.

    Konsequenz für einen universitären Debattenraum: Der Zentralrat der Juden ruft in der Gaza-Debatte ausdrücklich dazu auf, antisemitische Narrative nicht zu bedienen, etwa indem Juden in Deutschland kollektiv mit Israels Kriegsführung in Verbindung gesetzt oder Schuldzuschreibungen pauschalisiert werden. 12

    Vor diesem Hintergrund sehen wir bei Lüders ein erhöhtes Risiko, dass durch (i) unbelegte Extrembehauptungen, (ii) verschwörungsideologische Rahmungen und (iii) eine problematische Täter-Opfer-Umkehr ein Diskurs befördert wird, der jüdische Universitätsangehörige belastet und den wissenschaftlichen Standards einer Universität nicht genügt.

    Erst im November 2025 hat der Senat der Friedrich-Schiller-Universität Jena eine Forderung zur Überprüfung von Kooperationen mit israelischen Universitäten abgelehnt. Universitätspräsident Professor Andreas Marx stellte dabei richtigerweise fest, dass eine solche Forderung „keinen Beitrag zur Lösung von Konflikten“ leiste.

    Wir appellieren an Sie, diese Linie konsequent fortzusetzen. In diesem Zusammenhang weisen wir Sie auf die oben beschriebenen Veranstaltungen hin, denen wir mit großer Besorgnis entgegenblicken. Gern führen wir unsere Kritik und Besorgnis in einem konstruktiven Dialog weiter aus. Für eine Rückmeldung in dieser Angelegenheit wären wir Ihnen sehr dankbar.


    Mit freundlichen Grüßen

    Der Vorstand des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz (NJH)

    Prof. Dr. Julia Bernstein
    Prof. Roglit Ishay
    Dr. Ilja Kogan


    1. Bundesamt für Verfassungsschutz: “Verfassungsschutzbericht 2024” (PDF, veröffentlicht 10. 06. 2025), https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/verfassungsschutzberichte/2025-06-10-verfassungsschutzbericht-2024.pdf?__blob=publicationFile&v=4. Im Folgenden zitiert als VSB 2024. ↩︎
    2. Internationales Institut für Bildung, Sozial- und Antisemitismusforschung (IIBSA): “Der Verein ‘Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost’ – Geschichte, Verbindungen, Ideologie und Arbeitsweise”, März 2024, https://iibsa.org/wp-content/uploads/2024/03/Juedische_Stimme_fur_gerechten_Frieden.pdf. Im Folgenden zitiert als IIBSA-Studie.
      ↩︎
    3. Deutscher Bundestag: Drucksache 19/10191 “Der BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten – Antisemitismus bekämpfen”, S. 2, https://dserver.bundestag.de/btd/19/101/1910191.pdf
      ↩︎
    4. Bundesministerium des Innern und für Heimat: Pressemitteilung “Vereinsverbote ‘HAMAS’ und ‘Samidoun’” (02. 11. 2023), https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2023/11/vereinsverbot-hamas-samidoun.html
      ↩︎
    5. Bundesamt für Verfassungsschutz: “Palästinasolidarität im dogmatischen Linksextremismus” (April 2024), https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/hintergruende/DE/linksextremismus/palaestina-solidaritaet-im-dogmatischen-linksextremismus.html
      ↩︎
    6. VJSH: Stellungnahme vom 18. Juni 2025, https://www.vjsh.de/post/jetzt-offiziell-vom-verfassungsschutz-gesicherte-extremismus-einstufung
      ↩︎
    7. Jüdische Allgemeine, 29. Januar 2025: “Bundestagswahl: Zentralrat der Juden warnt vor AfD und BSW”, https://www.juedische-allgemeine.de/politik/eine-gefahr-fuer-das-judentum/ Siehe auch: evangelisch.de, 29. Januar 2025: “Zentralratspräsident Schuster warnt vor AfD und BSW”, https://www.evangelisch.de/inhalte/238779/29-01-2025/zentralratspraesident-schuster-warnt-vor-afd-und-bsw
      ↩︎
    8. Jüdische Allgemeine, 19. Januar 2025: Ralf Balke, “Der vermeintliche Nahostexperte Michael Lüders”, https://www.juedische-allgemeine.de/politik/lueders%CA%BC-maerchen/ ↩︎
    9. Michael Lüders (eigene Website), Buch-/Autorenseite zu “Drecksarbeit?” (“Triumph der Gewalt”), abgerufen am 22. 12. 2025, https://michael-lueders.de/author/mlueders/ ↩︎
    10. SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen, 2019, https://doi.org/10.1515/sirius-2019-1027
      ↩︎
    11. Jungle World, 13. Februar 2025: “Die ‘Kriegsparteien’ machten blau”, https://shop.jungle.world/artikel/2025/07/ferat-kocak-michael-l%C3%BCders-die-kriegsparteien-machten-blau
      ↩︎
    12. Zentralrat der Juden in Deutschland: “Zur aktuellen Debatte um den Krieg in Gaza und Judenhass in Deutschland”, https://www.zentralratderjuden.de/presseerklaerungen/zur-aktuellen-debatte-um-den-krieg-in-gaza-und-judenhass-in-deutschland/ ↩︎

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